Ich möchte Euch hier gerne von dem größten 100-km-Marsch / Lauf in Europa berichten, der dieses Jahr zum 48. Mal ausgetragen wurde und mittlerweile fast weltweit Kultstatus hat. Eine wirklich tolle Veranstaltung mit hohem Suchtfaktor!

Dodentocht ist Niederländisch, bzw. Flämisch, aber wer in den verschiedenen Online-Wörterbüchern nachschlägt, erhält dafür keine Übersetzung. Die einzelnen Bestandteile des Wortes haben indes sehr wohl eine Bedeutung und daraus lässt sich der deutsche Begriff "Leichenzug" bilden. Bekannt ist der Dodentocht von Bornem in Deutschland allerdings unter der Bezeichnung "Todesmarsch", was auch seinem englischen Namen "Death March" entspricht. Jedoch gab es in der neueren deutschen Geschichte schon einmal Todesmärsche, weswegen ich die originale Bezeichnung "Dodentocht" bevorzuge und auch weiterhin verwenden werde.

So, jetzt aber genug der ernsten Einleitung, ich möchte Euch jetzt etwas über diese Veranstaltung erzählen, die mir persönlich sehr am Herzen liegt. Dem Vernehmen nach gab es einmal von John F. Kennedy die Aussage, dass er die amerikanische Jugend für so verweichlicht hielte, dass sie nicht einmal in der Lage wäre, 60 Meilen zu Fuß zurückzulegen. Es dauerte einige Jahre, bis diese Aussage ins Jugendzentrum Kadée nach Bornem (einer kleinen Stadt in der Nähe von Antwerpen) vordrang (sind ja auch ein paar Kilometer!) und so beschloss man dort zu beweisen, dass die belgische Jugend aus ganz anderem Holz geschnitzt ist!

Nachdem die erste Ausgabe im Jahr 1970 von 73 tapferen Wanderern in Angriff genommen wurde, steigerte sich die Zahl der Teilnehmer von Jahr zu Jahr kontinuierlich. So waren es im Jahr 1988, im Jahr meiner ersten Teilnahme, schon 4.567. Und da diese Veranstaltung jedes Jahr am zweiten Freitag im August stattfindet, fanden sich am 11. August 2017 zwei Postler auf dem Platz vor dem Kloster in Bornem im Kreise von 13.952 Mit-Startern wieder. Doch bevor ich ans Eingemachte gehe, noch ein paar weitere wissenswerte Fakten zu dieser tollen Veranstaltung.

Die 100 Kilometer müssen in maximal 24 Stunden zurückgelegt werden, Start ist um 21 Uhr und somit muss man um 21 Uhr am Folgetag das Ding im Sack haben (wobei die Veranstalter 30 Minuten zugeben, da es ewig dauert, bis alle Starter die Startlinie überquert haben). Die Besonderheit ist, dass es sich hier um keinen Wettkampf handelt, es wird kein "Sieger" bekanntgegeben, es gibt keine Ergebnislisten und auch keine niedrigen Startnummern, an denen man evtl. die Platzierung im Vorjahr erkennen könnte. Und auch die ganz Eiligen müssen sich zügeln: Die Kontrollstellen und das Ziel öffnen nur ab einer bestimmten Zeit. Es kann kein Starter schneller als 10 Stunden sein und so kommt es immer wieder dazu, dass bei der Öffnung des Ziels bereits eine Traube von Läufern darauf wartet, im Ziel eingescannt zu werden. Dieses Jahr waren es 28. Von den Veranstaltern ist das so gewollt und das macht auch den ganz besonderen Charme des Dodentocht aus.

Also, zurück zu diesem 11. August. Es ist 21 Uhr abends und der Start steht unmittelbar bevor. Ulli und ich stehen bereits seit drei Stunden in der Startaufstellung und seit weiteren drei warteten wir auf die Öffnung der Startzone. Wir wollten beim Start ganz vorne sein, um schnell wegzukommen und nicht im großen Feld uns mühsam nach vorne kämpfen zu müssen. Da in Belgien seit dem vergangenen Jahr Terrorwarnstufe 3 herrscht, gelten auch für den Dodentocht erhöhte Sicherheitsauflagen. So dürfen in dem Gepäck, das man sich zum 50km-Punkt fahren lassen kann, keine Flüssigkeiten enthalten sein und dies wird auch sorgfältig überprüft. In die Startzone durften keine offenen Getränke eingeführt werden, Trinkflaschen mussten entleert und konnten drinnen wieder aufgefüllt werden. Polizei war präsent, aber sehr zurückhaltend, Sprengstoffsuchhunde durchstöberten das Areal, bevor es für die Wanderer und Läufer freigegeben wurde. In Startrichtung in etwa 200m Entfernung hat ein Feuerwehr-LKW die Strecke blockiert um zu verhindern, dass ein fehlgeleiteter Irrer ein Fahrzeug in die Startaufstellung lenkt ... Bilder und Eindrücke, an die wir uns wohl gewöhnen müssen! Dennoch - über allem schwebt eine fröhliche, entspannte und erwartungsfrohe Atmosphäre.

Ulli und Peter

Man merkt, dass mein Herz an dieser Wanderung hängt, die auch von Läufern gerne angenommen wird. Und es ist ja auch eine Veranstaltung mit extrem hohem Suchtfaktor: 1988 bis 2013 habe ich sechs Mal mit Erfolg teilgenommen, dann aber (leider) 20 Jahre pausiert und habe erst 2014 (immer noch als reiner Wanderer) den Stab wieder aufgenommen und seit 2015 mache ich mich teils laufend, teils wandernd auf die Strecke.

Nun zum zweiten Mal: zurück auf den Platz vor der Abtei. Wir stehen also in der Startaufstellung und die Strecke wird freigegeben. Die ersten ca. 20 Meter führt eine Kette aus Ordnern, die zunächst das Tempo begrenzen, aber nachdem diese an die Seiten ausgewichen sind, gibt es für die Läufer, Geher und "Power-Wanderer" kein Halten mehr. Unter tosendem Beifall der dicht stehenden Zuschauer geht es los Richtung Stadtmitte. Dort ist zwei Stunden zuvor die Parade gestartet, bei der die lokalen Musikzüge, Tanzgruppen und die Sponsorenfahrzeuge hinter dem vorweg von Jugendlichen getragenen Sarg dem Publikum präsentiert werden. In früheren Jahren wurde der Sarg noch direkt vor dem Starterfeld durch die Stadt getragen und keiner der Teilnehmer durfte ihn passieren. Dem zunehmenden Aufkommen der Läufer wurde allerdings Tribut gezollt und daraus eine eigene, im Vorfeld stattfindende Show gestaltet.

Ulli, der zum ersten Mal dabei ist und ich trennen uns sehr schnell, da wir differierende Geschwindigkeiten haben werden und unterschiedliche Ziele verfolgen. Mein Ziel ist, die ersten 10km zu laufen und danach mit flottem Schritt zu wandern und später dann wieder zu laufen. Die Strecke führt in einem großen Bogen nördlich um Bornem herum, durchquert dann die Stadt und geht anschließend auf die große Südschleife für den Rest der Strecke. Nach den 10km kommt eine große Verpflegungsstelle (nur mit Wasser), danach gehe ich etwa drei Kilometer und nachdem wir uns Bornem wieder nähern, laufe ich wieder. In der Stadt macht man sich bereit, dem großen Block der Wanderer einen Empfang zu bereiten, der sich gewaschen hat! Überhaupt ist in jedem Dorf, welches der lange Zug passiert, die Hölle los. Eine Party folgt auf die nächste, Live-Bands spielen, manche professionell, manche weniger, aber alle mit voller Begeisterung bei der Sache.

Am Ortsausgang Bornem folgt dann der erste reguläre Rastpunkt auf dem Gelände der Firma Friesland Foods. Dort teilt die Firma gekühlte Limonade aus und es werden auch Reiskuchen gereicht: sehr lecker, aber nichts zum mal eben so während des Laufens aus der Hand essen. Wir folgen der Partymeile weiter und machen bei Hingene einen Abstecher durch den Park des Schlosses d'Oursel, der festlich beleuchtet mit Feuertöpfen entlang des Weges die Teilnehmer begleitet. Zeitgleich findet dort wohl auch eine Kunstausstellung sein, zumindest scheinen die weiße und die rote, mehr als drei Meter hohen Statuen von Boxerhunden mit Raketenrucksack darauf hinzuweisen (muss Kunst sein, ich habe es nämlich nicht verstanden).

Inzwischen habe ich alte Bekannte aus den letzten Jahren getroffen, so z. B. Michael aus Korbach, der heute auch seinen 10. Dodentocht macht und Christa und Frank, zwei Power-Wanderer aus Karlsruhe. Den beiden schließe ich mich für eine Wanderetappe an, merke aber, dass das Höllentempo, welches die zierliche Christa anschlägt (8:30 pro Kilometer) eindeutig nicht meins ist. So lasse ich sie ziehen, überhole sie aber später wieder, nachdem ich wieder zu laufen begonnen habe. Es regnet immer mal wieder unterwegs und es wird zunehmend windig und unangenehm.

In der Zwischenzeit kämpft sich Ulli mit Problemen im Bewegungsapparat weiter durch die Nacht. Schmerzen in der Leiste machen sich breit und nehmen ihm doch etwas den Spaß an der Sache. Und dazu noch Nässe und Wind ...

Immer weiter geht es durch die Nacht bis wir bei Kilometer 34 eines der kulinarischen Highlights erreichen. In Breendonk reicht die Duvel-Brauerei ihr berühmtes Starkbier aus. Dem Vernehmen nach soll es einige Wanderer geben, die nur diese Distanz trainieren, möglichst schnell dort ankommen, das Freibier genießen und mit dem letzten Besenbus zurück fahren. Das Bier ist gekühlt sehr lecker und "hebt den Eskimo wieder auf den Schlitten"  - oder wie sagt man? Ach ja, Suppe und Kekse und Obst gibt es auch.

Der nächste Stopp wäre die Palm-Brauerei in Steenhuffel, aber Palm hat kurzfristig die Sponsorenschaft gekündigt (Besitzerwechsel) und somit waren die Organisatoren gezwungen, schnell nach einer Lösung zu suchen, die dann auch mit der Sporthalle in Merchtem gefunden wurde. Allerdings hatte dieser unverhoffte Umstand zur Folge, dass zwischen Breendonk und Merchtem ein Teilstück von 16 Kilometern lag (meist sind die Etappen zwischen 5 und 10km lang), so dass nach 5 Kilometern eine Wasserstelle eingerichtet wurde.

So findet die "Mittagspause" also in Merchtem, statt in der Brauerei in Steenhuffel statt und somit entgeht mir ein weiteres leckeres Bierchen! Protest! In der Sporthalle lagert das Gepäck, das man für die halbe Strecke aufgeben konnte und so habe ich endlich die Gelegenheit, meine Schuhe zu wechseln, da ich doch die ganze Zeit gemerkt habe, dass ich üble Scheuerstellen habe, die mittlerweile wohl offen sind. Ansonsten geht es mir aber gut. Zur Stärkung gibt es Pasta mit Bolognese, die jetzt gut kommt.

Hier kommt leider auch das Aus für Ulli! Die Beeinträchtigungen durch die Schmerzen in der Leiste sind doch zu stark. Er hat tapfer gekämpft und ist immerhin 53 Kilometer weit gekommen - weiter, als viele andere! Respekt, alter Junge, Respekt! Diese Leistung ist aller Ehren wert und sollte nicht gering geschätzt werden. Bei diesen Distanzen kann es immer wieder - unabhängig von der Erfahrung - zu unvorhersehbaren Problemen kommen. Jeder erfahrene Teilnehmer an einem Ultra-Lauf kennt und weiß das - meist aus eigener schmerzvoller Erfahrung.

Es wird langsam hell und die zweite Hälfte will bezwungen werden. Es regnet mittlerweile seit einigen Stunden recht ergiebig und dazu weht ein scharfer, kalter Wind, der uns ordentlich auskühlt. Aber mit jedem Schritt kommen wir dem Ziel näher. Mittlerweile habe ich gemerkt, dass ich nach einer längeren Laufpassage anschließend das gewünschte Marschtempo (schneller als 6 km/h) nicht hinbekomme und so beschränke ich mich zunächst aufs Wandern. Auf Grund der gesundheitlichen Probleme, die ich seit Ende Mai habe, hatte ich geplant, vor 20 Stunden anzukommen. Das scheint zu klappen. Gehofft hatte ich, zwischen 16 und 17 Stunden anzukommen und auch das wird wohl klappen und so konzentriere ich mich auf dieses Ziel.

Ein Kontrollposten nach dem anderen wird passiert, Pausen mache ich wenig, und so komme ich in Sint-Amands zur vorletzten Kontrolle. Bei jedem Kontrollposten wird die Entfernung zum nächsten Punkt angegeben, sowie dessen Öffnungs- und Schlusszeit. Und hier werde ich stutzig! Bis zum letzten Rastpunkt in Branst sind es noch etwas mehr als 7 Kilometer, von dort noch etwa 6 Kilometer zum Ziel. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass ich unter 16 Stunden ankommen kann und mit etwas mehr Kampfgeist die Zeit vom vergangenen Jahr (15:29:xx) erreichen. Das sitzt! Also los, let's go, move it! Neue Taktik: ein paar hundert Meter laufen und ein paar hundert Meter gehen. Und zwar schnell laufen und schnell gehen.

Das Schild zum letzten Kilometer - na ja, nicht gut zu erkennen

Und so mache ich es. Es geht sogar sehr gut! Die Distanz schrumpft erheblich und der Zeiger auf der Uhr lässt sich Zeit. Letzter Kontrollpunkt in Branst. Nur schnell ein Keks und einen Schluck Wasser und dann wieder los auf die Piste. Da ist auch schon das 5km-Schild, schon altbekannt aber immer noch eine Freude, es zu sehen. Dann die Vierkilometermarke. Die drei. Die zwei. Der letzte Kilometer beginnt dort, wo wir am Vorabend gestartet waren. Den Hügel hoch zum Ortskern und ab auf die Promenade. Die letzten 500 Meter führen durch die Haupteinkaufsstraße, darüber spannen sich die Transparente mit den Teilnehmerzahlen in jedem Jahr. Jahr eins 73, Jahr zwei 202, Jahr drei 397 und so weiter. Ich gebe auf der Promenade richtig Gas und laufe mit großen Schritten und feuchten Augen dem Ziel entgegen. Michael steht am Rand und wir gratulieren uns, er hat seinen 10. Dodentocht schon seit etwa 30 Minuten abgeschlossen und trägt die kleine Krone an der Medaille. Mit den Worten: "Los! Hol sie Dir!" schickt er mich weiter, wir werden anschließend noch ein Bierchen trinken gehen. Gas! Gas! noch um die Ecke und ab ins Zelt. Geschafft! Letzter Scan, sofort gibt es die kleinen Geschenke und die Urkunde wird auch sofort ausgedruckt und zusammen mit der Medaille überreicht. Perfekte Organisation. Auf der Urkunde steht 15:24:xx!

Erst mal Luft holen und den Kloß im Hals runterschlucken, nach einer Zeit geht es wieder. Ich spüre jetzt, dass ich mir auf den letzten 13 Kilometern zwei ordentliche Blasen geholt habe und das Gehen fällt jetzt komischerweise schwer. Das Phantastische am Dodentocht ist die Begeisterung des Publikums. Auf den letzten sieben oder acht Kilometern bekommt man, vor allem, wenn man recht schnell unterwegs ist und vor dem großen Feld ankommt, von allen Seiten Glückwünsche ("Proficiat!") und Daumen-hoch. Es ist genial!

Zurück in der Sporthalle, die immerhin fast einen Kilometer entfernt ist und in der unsere Feldbetten stehen geht es ab unter die Dusche und dann erst mal für ein paar Stunden aufs Feldbett, am Abend dann in das angeschlossene Restaurant zum Burger-essen und Starkbier trinken. In Ulli reift der Plan, nächstes Jahr noch mal zuzuschlagen. Das ist die richtige Einstellung!

Ihr merkt, die Begeisterung trägt mich fort. Die ganze Region steht an diesen beiden Tagen Kopf, das flämische TV sendet Live-Berichte und vor allem in Bornem herrscht Ausnahmezustand, das Städtchen von der Größe Verls ist komplett abgeriegelt. Und wie toll die Zuschauer sind wird deutlich, wenn man im Internet das Video des Einlaufs der letzten Teilnehmerin eine Stunde nach Zielschluss anschaut: Auf beiden Seiten gestützt, in strömendem Regen, mit Kamerateam dabei und unter dem Jubel der Zuschauer. Das muss man bei anderen Läufen lange suchen!

Ach ja: Von den 13.952 Startern kamen 8.582 wieder in Bornem an, ein Mann musste am letzten Rastpunkt reanimiert werden. Ansonsten war es aber, nach Aussage des Roten Kreuzes, eine ganz normale Veranstaltung.

So, jetzt soll es aber genug sein. Ich hoffe, ich habe Euch nicht zu sehr gelangweilt und bedanke mich, wenn Ihr bis hierher durchgehalten habt. Ich kann dieses Party-Event wirklich jedem nur ans Herz legen und kann Euch nur sagen: Versucht es! Und, pst!, ganz im Vertrauen und nur unter uns: Es sind gar keine 100 Kilometer, sondern nur 98. Zwei schenken Euch die Veranstalter, weil die Wege von der Startkartenausgabe zur Gepäckabgabe zur Startzone so weit sind. Na? Ist das ein Angebot?

Also, vormerken: 10. August 2018

Der Lohn der Mühe

(C) Bildrechte liegen beim Post SV Gütersloh 2017